Die gebannten Visionen der Welt-Gedanken zu den Landschaften von Helga Mehringer

Helga Mehringers malerische Visionen zeigen sich in entgrenzter Weise gleichsam als imaginäre Flugbilder, weil ihre überblickshaften Landschaften wie "Sommerlich" oder "Vom Oktober" transitorisch, im Vorüberfliegen, gesehen worden sein könnten. Aber Helga Mehringer bannt den subjektiv ausgewählten Landschaftsausschnitt als künstlerischen Reflex nicht etwa äußerer, oberflächlicher Eindrücke, sondern gestaltet ihn als die charakteristische Erscheinungsform, die das Vielgestaltige überwunden hat. Zugleich wird ein Bild ins Allgemeingültige erhoben und kann nicht mehr einer bestimmten Landschaft topographisch zugeordnet werden, obwohl die Erschei-nungsform vertraut inmitten dieser Welt geortet werden muss. Dabei drängt sie den Horizont aus dem Bild, er ist nur noch ein schmaler Streifen am Bildrand, gibt aber - das ist irritierend genug – als Untergrundsfarbe der Oberfläche ihre Struktur. Horizont, Weite und Nähe sind so aufgehoben. Der Betrachter ist wortlos der Landschaft ausgesetzt. Die Landschaft selbst ist allein künstlerischer Maßstab dieser Bildwelten geworden. So entsteht das Gleichgewicht zwischen Wieder-gabe in der Natur und künstlerischem Aus-drucksverlangen. Gekennzeichnet ist von Helga Mehringer die jahreszeitliche Stimmung, die sich spröde und dominant in der farbigen Erscheinung äußert und als Raumwert auf der Bildfläche umgesetzt worden ist. Diese raumschaffende Kraft entsteht, wenn mit der Spachtel die einzelnen Farbschichten aufgetragen werden. So entstehen Strukturen im Sinne farbiger Konturen, die zellenartig das Bild aufteilen. In tonigen Variationen lassen sie Licht und Schatten transluzide oder opak erscheinen und modulieren den Grundton, sei es das erdige Braun in "Vom Oktober" oder die weißgehöhte Stumpfheit des Grün in "Sommerlich" in zahllosen Variationen auf der Fläche. Dabei durchzieht die Horizontfarbe diese Fläche, so dass über den strukturbildenden Faktor dieses Farbtons in der Landschaft hinaus eine kristalline Verwerfung von innen heraus diesen Raum stofflich macht. Dazu ducken sich die Siedlungen, welche in Bodensenken eingetieft wurden. Nur noch ihre Dachneigungen und die weiß aufleuchtenden Wände bleiben sichtbar, gehen aber ansonsten in der Weite auf.

In intensivem Durcharbeiten und Offenlegen vollzieht sich eine sensibel vorgenommene Destillation zur Quintessenz dessen, was für die Bildschöpfung als wesentlich ausgeschöpft worden ist. Dazu tritt eine Metamorphose in der Farbpalette hinzu, die ebenfalls zur Verdichtung des Zeichenhaften führt. Wir spüren das Eindringen der nicht naturalistischen Gestaltungsmittel. Helga Mehringers Bildwelten sind zu nüchtern, um nur poetisch, zu realistisch, um expressiv-dynamisch verwandelt und zu aufregend in ihrer Erscheinung, um nur als in sich ruhend und harmonisch bezeichnet zu werden. In diesen Bildern ist alles anders als die gesehene Wirklichkeit. Entstanden sind gebannte Visionen der Welt.

Clemens Jöckle

zurück